klein-tokio oder klein-wien in shanghai klingt doch sehr exotisch verheissungsvoll. genauso wie der prominente bund ehemalig britisch und die französische konzession eben französisch dominiert war, war dieses viertel eine zeit lang fest in japanischer hand und vor dem zweiten weltkrieg sogar von japanischen truppen besetzt. diese zeit ist allerdings durch die rasante bauliche entwicklung shanghais (architektonisch) spurenlose vergangenheit.
ebenso findet man kaum noch etwas vom vermeintlichen klein-wien, wenn man nicht zufällig etwas darüber gehört hätte und nach einer synagoge in dem viertel ausschau halten würde.
auch wenn die ausländischen einflüsse verwischt bis verloren sind kann diese gegend heute ironischerweise mit dem autentischsten shanghai-normal-bewohner-flair aufwarten. während man sich im renovierten oder eher beschönigten xintiandi dem westlichen konsumrausch (paulaner weissbier, french cusine, fusion food,…) hingeben muss, oder im lieblicheren aber ähnlich frisierten tianzifang zwischen kleinen boutiquen bis ramschläden streunt, um zumindest einen funken von einem eindruck der sogenannten longtangs zu bekommen, braucht man zwei drei blocks entfernt vom berühmten flussufer shanghais in hongkou nur in die nächste seitenstrasse einbiegen und kann diese original(er) chinesische form eines wohnblocks samt sozialem umfeld dazu erfahren.

longtangs, diese wohnblocks, darf man sich nicht wie massive plattenbauähnliche wohnsilos vorstellen. zwar von der grundfläche her vielleicht ähnlich dimensioniert, muss man sich eher eine verwinkelte, enge, verkehrsbefreite, nach aussen etwas abgeschottete, reihenhausanlage ausmalen. die eigentlich durchgängig zweistöckigen einfamilien-häuslein bilden nach allen seiten, zu den meist großen strassen mit geschäften und restaurants im erdgeschoß bestückt, eine ‘wohnblockmauer’ mit ein paar garagentor großen eingängen. umzingelt wird aber nicht eine idyllische grünfläche sondern weitere reihen (linien und ecken) an häusern. man schlängelt sich dazwischen unter trocknender wäsche, neben waschbecken, sitzenden und spielenden menschen (ausnahmsweise wirklich 100% asiaten), kleinen shops, essenverkaufsstellen (um nicht mit dem wort restaurant eine falsche größe zu suggerieren) und natürlich radfahrern hindurch.


haarewaschen am gehsteig, sehr kommunikativ mit den ganzen passanten
das schöne an dieser gegend: es fühlt sich normal an. auch wenn oder gerade weil die bewohner dieses arbeiterviertels hier durchschnittlich wahrscheinlich zu den ärmsten mit fixem dach über dem kopf zählen in shanghai zählen, ist soetwas wie soziales zusammenleben im kontrast zum sonst omnipräsenten anonymen konsumieren in der stadt sichtbar. karten und mahjong spielende auf der strasse sieht man in vielen seitenstrassen in der gesamten stadt, aber sich im vorbeigehen grüßende und freundlich miteinander plaudernde sind eher eine seltenheit. ein paar nachbaren teilen sich den fernseher, das gerät steht vor dem haus erhöht und alle blockieren mit ihren stühlen den schmalen weg vorbei während sie sich über die nachmittags soap amüsieren.


doch sogar in dieses kleine ökosystem ist irgendwie die expo eingedrungen. liebevoll mit kreide auf eine tafel gezeichnet wirbt der allgegenwärtige blaue wassertropfen haibao für einen besuch. die tageskarte unter der woche kostet vielen dort wohl den halben monatslohn…
lustiges detail am rande für die mitleserschaft aus der kreativwirtschaft. schildermacher, maler(eien), druckereien und graphikbedarfgeschäftchen säumen die strassen um diese gegenden. brotloses gewerbe oder karrierepotenzial?



